Blogtanker vs Blogkanuten

Schöne Diskussion drüben bei off the record:

Die These von Olaf Kolbrück ist:

“Die Dickschiffe und schnellen Kreuzer der Medienwelt werden mit ihrem Wellenschlag die A-Blogs klassischer Coleur mittelfristig unterpflügen und ihnen die Leser abjagen.”

Genauer: Die traditionellen Massenmedien “machen in Blogs”, seit einiger Zeit schon und nicht sehr oft sehr erfolgreich - sie werden darin aber besser werden, und zwar mittelfristig besser als die meisten “normalen Blogs”. Darum werden die Leserzahlen der “normalen Blogs” sinken, die Leser zu den Blogs der Medien abwandern.

Bemerkung vorweg: Ich gehe mal davon aus, daß die Zahl der Blogleser insgesamt steigen wird; insofern könnten die Leserzahlen auch der normalen Blogs steigen, die der Blogs-von-Medien (im folgenden: BvM :)) aber entsprechend stärker; das ist also nicht unbedingt wesentlich für Olafs These. Ebenso unwichtig ist in diesem Fall, ob die normalen Blogger überhaupt ein Interesse daran haben, viele Leser zu erreichen.

Die Gegenargumente aus den Kommentaren sind interessant. Eigentlich sind es nur viereinhalb oder fünf verschiedene:

  • Das Masse-gegen-Klasse-Argument: Nicht viele Leser sind wichtig, sondern “die richtigen” (zum Beispiel die gebildeten, die nicht auf Boulevard und Knut stehen); deshalb können Blogs auch bei geringen Leserzahlen Meinungsmacher sein; und Blogs können sich in Nischen festsetzen (Long Tail) und dort (verhältnismäßig) erfolgreich sein. In die Kerbe schlägt auch Robert Basic: Die Informationsangebote, ob Blogs oder andere Webressourcen, werden sich so ausdifferenzieren, so zersplittern, daß es kein traditionelles Massenmedium schafft, mitzuhalten. Es wird immer einen eine Ecke weiter geben, der noch detaillierter und kenntnisreicher und liebevoller über etwas schreibt.
  • Die Turi-These: Nicht Medien werden Blogs, sondern Blogs werden Medien. Heißt: Blogger (nicht die Masse, sondern die professionell ambitionierten) werden professioneller, ggf. journalistischer und dann erfolgreicher auch in Zahlen.
  • Die Menschliche-Marke-These: Die Persönlichkeit hinter dem Medium (egal ob Blog oder nicht) wird wichtiger, sagt Turi; und ein Markenversprechen, das früher traditionelle Massenmedien mühsam aufgebaut haben, kann heute eine einzelne Persönlichkeit relativ schnell aufbauen, sagt Thomas Knüwer.
  • Eng damit verwandt: Das Rückgrat-Argument: Blogs leben von ihrer Meinungsstärke und persönlichen Haltung. Eine vergleichbare Haltung werden traditionelle Medien oder deren Blogs nicht hinbekommen.
  • Und schließlich das Vernetzungsargument: Blogs leben vom Dialog mit den Lesern und der Vernetzung mit anderen Blogs. Beides werden traditionelle Massenmedien oder deren Blogs nicht hinbekommen.

Das ist trotzdem eine Menge Stoff. Fangen wir von hinten an: Ich sehe nicht, warum Journalisten, die von traditionellen Massenmedien beschäftigt werden, nicht fähig zu Dialog und Vernetzung sein sollten. Richtig, schaut man sich an, was bisher so an Redaktionsblogs angeboten wurde, so findet man dort in aller Regel viel weniger Links und Kommentare, geschweige denn, daß solch ein Redaktionsblog mal einen Trackback irgendwo hinterlassen hätte. Aber was Thomas Knüwer kann, nämlich als Teil eines Verlagsangebotes und trotzdem “echt” zu bloggen, das werden bald mehr Journalisten können.

Mit dem Rückgrat und der Haltung ist das in meinen Augen ähnlich. Einen Don Alphonso wird sich ein Massenmedium eher nicht leisten, aber publizierte starke Meinungen gibt es ja nun auch nicht erst seitdem es Blogs gibt (über Defizite müssen wir dabei nicht diskutieren, aber auch Massenmedien sind lernfähig).

Die Sache mit den Marken scheint mir da schon schwerwiegender. Die Marke wird gerne angeführt, wenn es darum geht, daß das Frauenmagazin Isabelle oder die Tagesschau oder so auch in 15 Jahren noch ein Massenangebot sein wird. Nun scheint mir aber die Markentreue beständig zu sinken bzw. volatil zu werden (ich muß mal an meiner Studien-Handbibliothek arbeiten. del.icio.us hilf!) - zum Beispiel ist die durchschnittliche Dauer eines Abonnements in den letzten Jahren gesunken. Heißt, daß traditionelle Massenmedien nicht auf ewige Markenbindung vertrauen können, heißt, daß auch Einzelpersonen sich als Marke positionieren können (”ein Markenversprechen aufbauen können”), und zwar gerade mit Mitteln des sogenannten Web 2.0, also möglicherweise gerade Blogger; gesunkene Markentreue gilt aber auch für die. Das wäre also doch eigentlich auch nur eine Frage des Lernens auf Seiten der Unternehmen, oder?

Neben dem Marken-Mantra wird bei der Frage nach der Zukunft der Massenmedien auch gern die - eben - Masse angeführt. Stichwort Lagerfeuer. Das Publikum möchte demnach auch in 15 Jahren noch am Lagerfeuer der Tagesschau sitzen und sich im Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der dort gezeigten Nachrichten wärmen. Robert Basic sagt: Denkste, Mikrosegmentierung, nischigste Nischen, expertigste Experten. Das stimmt vom Trend her sicher, aber ganz wird das Bedürfnis nach “Alles an einer Stelle” nicht verschwinden. Lustig ist ja, daß Roberts Blog selbst so ein Lagerfeuer darstellt. Basicthinking ist zu einem großen Teil ein Aggregator. Ich lese das weniger wegen Roberts ausgefeiltem Stil, sondern weil ich nichts wesentliches verpasse, wenn ich Basicthinking (plus eine Handvoll anderer Blogs) verfolge. Das ist eine andere Lesemotivation als etwa die für einen langen, geschliffenen, kulturhistorisch gemästeten Text auf Rebellmarkt. Ich glaube, die Bequemlichkeit des Publikums sollte man nicht unterschätzen. Nicht jeder Leser wird zum Kommentierenden, nicht jeder Kommentierende wird zum Blogger.

Und jetzt wird mir langsam mulmig, denn übrig bleibt die Turi-These, und der kann ich hört! hört! weitgehend zustimmen: Ambitionierte Blogger (aber auch nur die!) werden professioneller werden - sei das nun literarischer, journalistischer, entertainiger oder anders - und auch ein direktes oder indirektes Einkommen anstreben. Oder, noch allgemeiner formuliert: Eine direkte oder indirekte Gegenleistung anstreben, und zwar mehr als nur Dialogwärme im kleinen Kreis des Netzwerks. Und traditionelle Massenmedien werden bloggiger im Sinne von dialogischer und möglicherweise im Sinne von meinungsstärker werden (bei letzterem weiß ich noch nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll). Ich würde das bloß nicht so wie Turi als echte Gegenthese zu Olaf Kolbrück sehen, denn wenn BvM in diesem Sinne “gut” werden, können sie genau deshalb Leser anziehen (andere Frage ist, ob das ein Nullsummenspiel sein muß).

So, das war lang, aber war es auch verständlich? Ich bitte um einen Tritt in den Kommentaren, wenn ich gerade Mist erzählt habe. Muß da selber nochmal drüber nachdenken.

Bookmarken bei del.icio.us | Mister Wong | Yigg

7 Kommentare zu “Blogtanker vs Blogkanuten”

  1. massenpublikum

    Ich sehe das alles ein wenig anders (oder auch nicht, wie man will). Ich weiß nicht, wieso Einige immer das Orakel von Delphi spielen wollen, besser wäre, sie würden die künftigen Lottozahlen korrekt ansagen. Letztendlich werden sich Medien und Blogs ergänzen. Klar versuchen viele Medien, selbst Blogs einzurichten. Und manche machen das ja auch sehr gut (wie das Handelsblatt mit Herrn Knüwer). Nur reicht es eben nicht aus, als Medium einen Blogger einzukaufen und dann zu hoffen, dass die Rechnung aufgeht. Beispiel Vanity Fair mit Turi: Clever, dass die ihn geholt haben. Aber: Regelmäßig schreiben tut er bei Turi2 - nicht bei VF. Warum? Weil er ein Blogger ist, der eben nur gekauft ist. Mit seinem Blog identifiziert er sich, da ist er seine eigene Marke. Und Blogger sind eben eitel, sonst würden Sie der Welt nicht so viel von sich preisgeben. Bei VF betreibt er nur ein Blog. Insofern denke ich, dass langfristig private Blogs ebenso gut frequentiert sein werden wie die Angebote der klassischen Medien.

  2. Online. (Kurz & Knapp), Medienrauschen, das Medienweblog

    […] +++ Die Verlagsblogwelle “Die Dickschiffe und schnellen Kreuzer der Medienwelt werden mit ihrem Wellenschlag die A-Blogs klassischer Coleur mittelfristig unterpflügen und ihnen die Leser abjagen.” Liest man bei off the record. Wir denken: Nö. […]

  3. jo

    Meinungstark: Broder oder Wagner würden mir schonmal einfallen, wenn man nach meinungsstarkten “Bloggern” bei etablierten Medien sucht. Die wüten schon länger, als wir Blogs haben. Ob man davon noch mehr braucht, ist eine andere Sache.

    Professionalität: Die reichweitenstärksten deutschsprachige Blogs werden doch schon heute zum Großteil professionell und von Bloggern mit journalistischem Background betrieben. Möglich, dass da in der Breite noch ein paar dazukommen. Eine Professionalisierung des Katzenbilderbloggens sehe ich aber nicht. Ist meiner Meinung nach auch nicht wünschenswert.

    Menschliche Marken: Problematische Diskussion, wie man letztens bei Nerdcore gesehen hat. Und: Will man das? Will man Blogstars? Kann man dann noch von einem Blog reden, oder ist ein Blogstar nicht weit mehr Selbstvermarkter als Kommunikationspartner?

  4. massenpublikum

    Ich fürchte, wir brauchen einen richtigen Blogstar in Deutschland. Einen, der die Idee vom Bloggen zu Sabine Christiansen bringt. Oder einen Scoop, der mal nicht in den Medien groß wird - sondern in Blogs.

  5. Florian

    jo: Naja, Border und Wagner, die würde ich ja eher in der Abteilung Belletristik suchen … Ich meine nicht so sehr Kolumnisten, sondern frage mich eher, ob deutliche Meinung nicht in andere Ecken einzieht - Sowas wie Wahlempfehlungen in Zeitungen, Positionierung von Lokalzeitungen als “Anwälte der Bürger”, stärkere Kommentare, …
    Und zur Professionalisierung: Bei den Katzenbilderbloggern sehe ich die auch nicht, aber ansonsten? Die Diskussionen um Werbung, adical, Germany’s-next-Topmodel-Blogs, an allen Ecken Journalistikstudenten, die meinen, jetzt auch noch bloggen zu müssen ;) Plus: Sideblogs, El Rep, Podcasts, mehr Rubriken, gestylte Feeds, Upload-Magazin, Deutsche-Startups.

    massenpublikum: Letzteres gerne, ersteres bitte nicht.

  6. medienblogger

    Ich habe vorgestern auf meinem Weblog festgestellt, dass eigentlich zumindest die Kontinuität und Ausdauer der Weblogs der großen Medien eher gering ist. Aber ich kann mich da auch täuschen.
    Zum Glück bin ja jetzt über diesen Eintrag hier gestolpert und kann meinen höchst subjektiven Eindruck mal mit dem Stand der Dinge in dieser Frage abgleichen.

  7. Torsten

    medienblogger: wenigstens das haben sie mit der Blogosphäre gemein. Die Ausdauer ist bei den meisten Bloggern nicht sehr groß - alle paar Monate wechsel ich fast die Hälfte meiner Bloglist aus.

    Aber das ist auch gut so - schließlich sind Blogs für die menschen da nicht die Menschen für die Blogs.

Kommentar schreiben: