Partizipativer Journalismus bei Wired.com
Vorhin bin ich bei Torsten über dieses Projekt bei Assignment Zero gestolpert und noch immer beeindruckt. Dort überläßt das Magazin Wired.com den größten Teil des Reportings für einen Artikel dem Publikum. Erst die Schreibarbeit findet dann wieder hauptsächlich am Wired-Rechner statt (in den USA wird meist zwischen Recherche und Schreiben getrennt; das eine macht der Reporter, das andere der Editor). Partizipativer Journalismus, der erstaunlich weit geht. Dagegen ist harmlos, was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Januar getestet hat.
Das Thema des Wired-Artikel ist Citizendium, die “Experten-Wikipedia”, die Larry Sanger aufbauen will, der früher zusammen mit Jimmy Wales die Wikipedia gegründet hat. Wired gibt dieses Thema, den Hintergrund und den inhaltlichen Ansatz vor; außerdem eine Liste mit relativ spezifischen Aufgaben für die Laienreporter: Einfache wie “Compare Citizendium entries to Wikipedia entries”, aber auch “Draw some graphics for the story” und “Interview Jimmy Wales”. Es gibt Aufgaben, die für die “Crowd” sind, denen sich also jeder Interessierte sofort annehmen kann, und solche, für die man sich bewerben muß. Auch das Fact-checking wird zum Teil den Amateuren überlassen. Über den Fortgang der Arbeiten wird berichtet und diskutiert, die Wired-Journalisten geben Anregungen und lenken das Team - hat was von “Betreutem Schreiben”. Es gibt eine Deadline, die Story wird im Mai erscheinen, und ich bin noch immer beeindruckt.
Ein paar “Allerdings” und offene Fragen: Wieviele der sich beteiligenden Amateure sind gar keine, sondern freie Journalisten, Journalistikstudenten, zumindest halbprofessionelle Schreiberlinge? Ist dieser Prozeß zeitaufwändiger zeitaufwendiger für die Wired-Betreuer als selbst zu recherchieren (Katharina Borchert: “User generated content gibt es entgegen weitverbreiteter Meinung nicht umsonst.”)? Ist als Kompensation die Qualität der Artikel besser, weil eventuell mehr Leute mit eventuell anderer Perspektive und eventuell anderen Quellen dazu beitragen? Und: Es gibt kein Geld; ist das AAL (Andere Arbeiten Lassen) und damit verwerflich?
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am 25. April 2007 um 20:13 Uhr.
Ich werde diese Seite in nächster Zeit jedenfalls öfters mal aufsuchen, ich will verstehen, wie das Ganze wirklich funktioniert.
In meiner täglichen Erfahrung als Journalist sehe ich da ein Problem: je offener ein Rechercheprozess läuft, um so mehr versuchen Beteiligte - mehr oder weniger offen - Einfluss zu nehmen. Ob da diese Recherchemthode als Filter oder gar als Verstärker von Spins fungiert, finde ich sehr spannend.
am 25. April 2007 um 20:31 Uhr.
Auch eine gute Frage, ja. Wenn es um investigative Recherchen geht, stößt das Modell ohnehin an seine Grenzen.
am 25. April 2007 um 20:40 Uhr.
Och, gerade da kabnn es genutzt werden. Der Reporter stürzt sich in die verdeckte Recherche und die Freiwilligen Karren das Hintergrundmaterial an.
am 25. April 2007 um 20:46 Uhr.
Sofern nicht schon die Themenbeschreibung und die Hintergrundaufgaben zu viel verraten, okay. Und sofern die Zuträger damit nicht Risiken ausgesetzt werden. Ich sach’ ma’: Wie Neonazis sich im Internet organisieren, würde ich mit Assignment Zero nicht unbedingt recherchieren lassen.
am 25. April 2007 um 20:47 Uhr.
[…] Bürgerjournalismus war gestern, jetzt kommt partizipativer bzw. kollaborativer Journalismus. Wired.com läßt via Assignment Zero gerade einen Artikel zur Experten-Wikipedia Citizendium recherchieren. Florian Steglich hat sich das Ganze mal näher angesehen und schreibt: Ein paar “Allerdings” und offene Fragen: Wieviele der sich beteiligenden Amateure sind gar keine, sondern freie Journalisten, Journalistikstudenten, zumindest halbprofessionelle Schreiberlinge? Ist dieser Prozeß zeitaufwändiger für die Wired-Betreuer als selbst zu recherchieren (Katharina Borchert: “User generated content gibt es entgegen weitverbreiteter Meinung nicht umsonst.”)? […]
am 26. April 2007 um 07:06 Uhr.
Die Frage ist auch: Inwiefern werden Unternehmen solche Modelle nutzen, um als “Amateure” geschickt PR zu machen?