Donnerstags in der Blogmetropole

Vor dem Volkshaus parkte Alphonsos Barchetta, drinnen stand Lobos Iro, und nach den heißen Gnocchi ging es über den Hof in den etwas ausgekühlten Kolonnadensaal zur Bloggerlesung. Thomas Knüwers Bedenken zum Trotz wurde es voll, nach und nach wärmer und sehr nett. Und wo sich bei der ersten Handelsblatt-Bloglesung mehrere Geschichten um die erste eigene Wohnung und das Shoppen drehten, waren diesmal Ärzte und Krankheiten das Hauptthema.

Bei den Blogpiloten gibt’s die Links zu allen gelesenen Texten, mehr Berichte bei der Heldenstadt.

Blogs waren auch schon am Nachmittag das Thema, die “MML Academy” hatte zum “Workshop User Generated Content und Bürgerjournalismus” eingeladen. Auf dem Podium von links nach rechts: Peter Schink, Stefan Niggemeier, Katharina Borchert (Lyssa, Westeins), Thomas Knüwer, Reiner Kurlemann (Chefred. RP Online), Gastgeber Michael Geffken. Die Diskussion kam etwas kurz, ein Referent weniger wäre vielleicht besser gewesen, mir ist nicht klar, warum der Workshop Workshop hieß, und ebensowenig, warum die Kaffeepause Kaffeepause hieß, aber der Apfelsaft war auch gut und die Runde in jedem Fall interessant. Notizen:

  • Westeins.de ist bislang nur der Arbeitstitel.
  • Die Aachener Zeitung (die übrigens einen ziemlich schicken Webauftritt hat) plant eine Blog- und Communityplattform.
  • Der Digital Divide trennt nicht Arm und Reich oder Alt und Jung, sondern zieht sich quer durch alle (Bevölkerungs-, Alters-, Einkommens-, Bildungs-)Schichten. Und spürbar auch durch Redaktionen.
  • Möglicherweise ist die Diskussion “Blogger vs Journalisten” ja doch eine, sofern es um die Frage geht, ob meinungsstarke, bekennende Subjektivität im Journalismus gefragter und/oder besser ist als vergebliches Bemühen um Objektivität.
  • Im Publikum die Meinung, daß Blogs keine Themen setzen würden (Jamba? StudiVZ?) und immer wieder die Frage nach der Kontrolle von User Generated Inhalten - daraufhin das Zitat des Tages von Lyssa: “User Generated Content gibt es entgegen weitverbreiteter Meinung nicht umsonst.”
  • Zahlen zu Opinio: Rund 26.000 Artikel von 2.600 Autoren, von denen geschätzte 10 Prozent zum harten, regelmäßig schreibenden Kern gehören. Das ist verglichen mit der Auflage von 400.000 vielleicht nicht viel, der Erfolg ist aber vor allem in der Abteilung “Image” zu verorten. Im April erscheint übrigens ein Buch mit 52 Beiträgen aus Opinio.
  • Die Readers Edition hat jetzt ein Ressort “Klimawandel”.
  • Peter Schink sieht die Zukunft eher in Mischformen aus professionellem und Laien-Journalismus, weniger in reinen UGC-Plattformen.

Und dann war da noch Dieter Soika. Es wäre untertrieben, ihn schlechtgelaunt zu nennen, es war eher heiliger Zorn, mit dem der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse zuerst Thomas Knüwer und später dann Stefan Niggemeier und Katharina Borchert anging. Irgendwie fühlte er sich in seiner Lokaljournalistenehre angegriffen, irgendwie glaubte er, für alle soundsoviel Tausend Lokaljournalisten in Deutschland sprechen zu können, irgendwie hielt er es nicht für unhöflich, Lyssa mehr oder weniger verschlüsselt zu sagen, sie habe keine Ahnung, und irgendwie hielt er es nicht für unvereinbar mit seiner Journalistenehre, die Bild-Zeitung gegen das Bildblog und den Presserat zu verteidigen (nein, die Freie Presse gehört nicht zum Springer-Verlag).

Soika sah man am Abend nicht auf der Bloglesung.

[Update: Bei Thomas Knüwer gibt’s jetzt Videos von der Lesung. Spitzenmäßiger Soundeffekt, wenn man alle vier gleichzeitig abspielt!]

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6 Kommentare zu “Donnerstags in der Blogmetropole”

  1. Ich mag gutes Essen!

    Jaja, der Herr Soika. Ich glaube, die FP ist auch nicht gerade im Auflagen-Aufwind. Und dann kommen noch diese dahergelaufenen “Seiteneinsteiger” (die auf dem Publikum waren ja keine) und spielen Journalist. Dem Chefredakteur geht die Muffe, würde ich sagen. Verlust der Info-, Deutungs- und Meinungshoheit würde ich sagen. Im Übrigen kann er natürlich nicht öffentlich zugeben, dass Leserbriefe auch in die Tonne wandern.

  2. Ich mag gutes Essen!

    Korrektur: Ich meinte natürlich “(die auf dem Podium waren ja gar keine)”

  3. trice.de » Blog Archive » Blogmetropole Leipzig

    […] Bereits am Freitag hatte ich ja über den “Workshop” des MML Leipzig zum Thema User Generated Content geschrieben und mich dabei v.a. auf Thomas Knüwers Vortrag beschränkt. Mittlerweile sind noch andere Rückblicke online, einmal bei Knüwer selbst und zudem auch bei Florian Steglich. Bei greifen v.a. auch das Auftreten vom Chefredakteur der Freien Presse, Dieter Soika, auf: “Es wäre untertrieben, ihn schlechtgelaunt zu nennen, es war eher heiliger Zorn”, schreibt Steglich. Und zwar provozierte er einen Disput, in dem er a) meinte, bei den Deutschen Lokalzeitungen (und er sprach da angeblich für alle Zeitungen) würden Leserbriefe nie im Müll landen, sondern quasi immer publiziert werden. Da war das Podium anderer Meinung und pries vielmehr die Transparenz von Blogs. Außerdem “nennt der Freipressler “Bild” “Qualitätsjournalismus” und machte sich für die Aldi-Berichterstattung stark”, so nicht nur Knüwers Kritik, sondern wohl auch die Meinung eines Großteils des Publikums. […]

  4. Marc Heckert

    Danke für das Lob über AZ-Web.de. Unser Chef hat sich gefreut :-)
    Es war wirklich eine interessante Veranstaltung, wenn auch - natürlich - viel zu kurz für das spannende Thema.

    Beste Grüße aus Aachen in den Osten. (Der eigens inszenierte Wintereinbruch hätte aber nicht unbedingt sein müssen, Freunde…) - Marc Heckert

  5. Florian

    Aha, die Aachener machen Blogmonitoring! :)

    Aber nichts zu danken. Ich bin von zuhause aus nicht gerade verwöhnt und staune darum immer noch, wenn eine Regionalzeitung einen Internetauftritt hat, bei dem ich nicht den Monitor abdunkeln möchte.

  6. Marc Heckert

    Klar monitoren wir - eigentlich sitzen wir sogar den ganzen Tag vorm Monitor, wenn man’s genau nimmt… *g*

    Was die Tageszeitungs-Auftritte angeht: Kommt Zeit, kommt Relaunch, würde ich sagen. Unser letzter ist ja auch gerade erst drei, vier Monate her.

    Überhaupt nehmen sie das Thema Online bei uns im Haus erfreulich ernst. Was sicher nicht überall der Fall ist. Die Unterschiede in den Strategien der Verlage sind schon erstaunlich.

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