Vanity Fair
So, Vanity Fair, da biste also. “Qualität, Recherche und Originalität stehen bei uns obenan”, sagt Dein Chef Ulf Poschardt über Dich. Soll ich ehrlich sein? Ich fand sogar die erste Park Avenue besser.
Auf dem Cover ist Til Schweiger. Also, Til Schweiger. Was genau sollte VF nochmal von den siebenundzwanzig anderen Magazinen unterscheiden, die im Bahnhofsbuchhandel daneben stehen? Das Interview mit dem Titelhelden wird mit Fotos im Cowboy-Stil bebildert, und weil es “Brokeback Mountain” gab, nuckelt Til auf einem Foto an einer Karotte. Auf einem anderen Foto hält er sich einen Gartenschlauch vor den Schritt, aus dem das Wasser plätschert. Verstehste? Hahahaha.
Dieses, ja, Titelthema wird eingeleitet mit dem Satz “Til Schweiger ist Sexobjekt, Macher und Deutschlands größter Kinoheld.”
Soviel zur Originalität.
Die exklusive Veröffentlichung des Tagebuchs von Anna Politkowskaja erweist sich als schnöder Vorabdruck. Die Aufzeichnungen erscheinen im März bei DuMont. Ein anderer “Scoop” ist die Meldung, daß Angelina Jolie und Brad Pitt sich eine Dachwohnung in Berlin-Mitte zugelegt haben sollen. Durch hartnäckige journalistische Arbeit konnte die VF-Redaktion noch herausfinden, daß es sich um 600 qm handeln soll. Mehr nicht. Und das Wort “Brangelina” konnte man sich auch nicht verkneifen.
Soviel zur Recherche.
Tatjana Gsell, Kati Witt, Bob Geldof - das ist so ungefähr das Wetten-daß-Gäste-Niveau, das das Magazin in der ersten Ausgabe aufbietet, mit der es die Leistungselite erreichen will. Der Bundesvision Song Contest findet Platz im Heft, und unter dem Bild von Stefan Raab steht “Der Macher”. Baselitz ist “der große deutsche Malerfürst”, das Cookies ein “angesagter Club” und die Schauspielerin Mavie Hörbiger war immer nur “auf Lolita-Rollen abonniert” und hat nun beschlossen, “endlich erwachsen zu werden”.
Chefredakteur Ulf Poschardt sinngemäß im Welt-Interview: Es gibt in Deutschland kein anderes Magazin mit diesem Textniveau.
Zu den Highlights des Wochenüberblicks gehört, daß Jamie Oliver auf der Messe “Ambiente” zweimal “live vor Publikum” kochen wird. A-tem-be-raubend. Mit der Rubrik “Kurz & Präzise” hat man eine große Abstellkammer eingebaut, in die der ganze Kram reinkommt, den man nicht so richtig gebrauchen kann, den man sich aber auch nicht wegzuwerfen traut. Da stehen dann solche Sachen wie: “50 Millionen Dollar fordert Britney Spears’ Exmann von ihr als Abfindung.” Zusammenhangslos. Aber gut, daß es endlich jemand notiert hat. Und war nicht mal die Rede von Raum für lange Geschichten? Die über den Sammler Christian Boros, der sich in einem monströsen Bunker in Berlin ein Privatmuseum installiert - an sich ganz interessant -, geht über zweieinhalb Spalten. Ach, und wer es noch nicht wußte: Die Wikipedia gehört zu den fünf “heißesten Web 2.0-Übernahmekandidaten dieser Tage”.
Soviel zur Qualität.
Die besten Fotos sind die aus den Anzeigen, das Thema Essen bekommt eine einzige Seite, die Selbstdarstellung der eigenen Redaktionsräume “Unter den Linden, über den Ferraris” (als wäre nicht bereits jeder Journalist, der im Vorfeld über die VF schrieb, darauf gekommen) ist selbstentlarvend peinlich, in einem Artikel über Gstaad (wie originell) wird gepflegt über neureiche Russen hergezogen, die mit Abramovitsch und Oligarchenkollegen garantiert in einem der nächsten Hefte einen eigenen Text bekommen, und dann, ja dann darf auch noch Bushido zwei Seiten vollschreiben. Aber klar, der ist ja auch der “wichtigste Rapper des Landes”.
In Ordnung gehen gerade so: Die Bewerbungsfotos von Victoria Beckham aus dem Jahre 1992 (reicht für einen kurzen Lacher), Michel Friedmann zu Besuch bei der NPD (reicht für zustimmende Ho-ho-ho-Lacher), das Portrait von Barack Obama (schön, über ihn zu lesen, solange er noch zu den Favoriten gehört) und das Protokoll von vier mehr oder minder mißlungenen Interviewversuchen mit Robert De Niro (denn jede Erwähnung seines Namens läßt wenigstens an seine alten Filme denken, deren Atmosphäre ein Magazin wie VF nie erreichen wird).
50 Millionen Euro oder mehr soll das Ding gekostet haben. Mein Gott. Liebe Vanity Fair, auf dem Niveau geht’s auch günstiger. Hier sind unentgeltlich zehn Themenvorschläge für die kommenden Ausgaben:
1. Berlins Regierender Partylöwe: Einen Abend und eine Nacht lang unterwegs mit Klaus Wowereit.
2. Potsdam, Rückzugsort für Berlins Super-Reiche: Wo Friede Springer und Wolfgang Joop sich beim Spazierengehen treffen.
3. Der neue Blog-Trend: Welche Politiker schon heute einen Weblog schreiben.
4. Wiener Opernball: Schon wieder Zoff um Baulöwe Lugners Begleitung.
5. Das Burj al Arab: Wir haben uns in der Sieben-Sterne-Oase im Wüstenstaat Dubai umgesehen.
6. Donald Trump. Von ganz oben nach ganz unten - und jetzt wieder da.
7. Bayreuth: Highlight für Politpromis und Hochkultur.
8. Geheimtipp: Die heißesten Einkaufstipps für Mailand - wo die Kollektionen der vergangenen Saison zum Schnäppchenpreis weggehen.
9. Die Akte Wolfgang Puck: Über den steilen Aufstieg des Österreichers, der die Stars von Hollywood bekocht - und dadurch selbst zum Star wurde.
10. Exklusiv: Tom Cruise und Katie Holmes sollen für die gemeinsame Tochter Suri einen Bausparvertrag in Lausanne unterzeichnet haben.
Nichts zu danken.
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am 8. Februar 2007 um 00:07 Uhr.
[…] Florian Steglich hat exzellente Themenvorschläge […]
am 8. Februar 2007 um 08:47 Uhr.
6 vor 9…
Verschlafen, vergeigt
(werbewoche.ch, Peter Uebersax)
Der Blick verlor seine Zukunft, weil zuviele Schöngeister im Brei rührten.
Vanity Fair
(floriansteglich.de)
50 Millionen Euro oder mehr soll das Ding gekostet haben. Mein Gott. Liebe Vanit…
am 8. Februar 2007 um 10:49 Uhr.
Geh, die angestrebten Leser interessiert doch keine Schnäppchen. Erst recht nicht aus der vergangenen Saison. Ansonsten: klasse Vorschläge. Wieso unentgeltlich?
am 8. Februar 2007 um 10:56 Uhr.
@Frau B.: Das mit den Schnäppchen sehen die Anzeigenkunden Ingolstadt Village Outlet Shopping und Öger Tours offenbar anders. Und wieso unentgeltlich? Für die Vorschläge habe ich sieben Minuten gebraucht. Das ist meine Geringfügigkeitsgrenze, das gibt’s umsonst :)
am 8. Februar 2007 um 11:08 Uhr.
Stimmt. Werbung vs. Zielleserschaft;-) Ansonsten: angenommene Themenvorschläge müssen vergütert werden. Auch bei sieben Minuten;-)
am 8. Februar 2007 um 11:10 Uhr.
Ich werde mir so ein Probeabo zulegen, um eventuelle Übernahmen berechnen zu können :) Bei den Probeabos bleiben sie übrigens beim Einführungspreis: 10 Ausgaben für 10 Euro, 50 Ausgaben für 50 Euro.
am 8. Februar 2007 um 12:15 Uhr.
Wo steht das?
am 8. Februar 2007 um 12:38 Uhr.
Auf so einem Bapperl im Heft und hier auch:
http://www.vanity-fair.de/vf/general/abo/
am 8. Februar 2007 um 13:00 Uhr.
Gute Vorschläge. Wer macht was?
am 8. Februar 2007 um 13:51 Uhr.
@WalterN: Sie wollen die Texte selbst schreiben?
am 9. Februar 2007 um 11:09 Uhr.
Ich hab noch einen:
- Vernica Ferres: Sexy Vamp und Charakterdarstellerin. Eine Hommage.
am 9. Februar 2007 um 13:07 Uhr.
[…] +++ Vanity Fair allerorten: Bei Frau Neuro, Herrn Steglich, Vanity Care und anderswo. […]
am 10. Februar 2007 um 15:20 Uhr.
[…] German bloggers are tough on the recently issued German Vanity Fair and critizise the big gap between pretension and reality, some even rip it apart visually. […]
am 12. Februar 2007 um 22:58 Uhr.
[…] Wenn man schon ein Magazin für die Was-auch-immer-Elite macht, dann doch bitte so: […]
am 13. Februar 2007 um 10:11 Uhr.
Ich hatte das unglaubliche “Glück” in der Entwicklungsphase des Heftes in den Redaktionsräumen “Über den Ferraris” zu Gast zu sein. Es war wirklich toll. Poschardt erzählte von der Leistungselite, seiner Vison und der generellen Großartigkeit aller Beteiligten. Dann über das Konzept der Food-Seiten.
Ach so: SEITE? Eine? Alles Klar!
Fazit von mir: Die Redaktion ist ihre eigene Zielgruppe. Jedoch sind über 100 Mitarbeiter vielleicht ein bisserl wenig um diesem Heft zum Erfolg zu hieven.
am 15. Februar 2007 um 15:26 Uhr.
Wie man im Norden so schön sagt: Versuch macht kluch. Dabei wird es auf lange Dauer gesehen wohl auch bleiben. Der Titel von Nr. 1 - eine Covertastrophe… Plus die im Überfluß verschenkten Anzeigenseiten. “Alles über Ferrari” besteht aus Pressebildern und einem vorgeschriebenen Interview der PR-Berater, was jedem Tifosi einen Dolch ins Herz stößt. Ich hätte eindeutig mehr erwartet. Die Anspielung auf das “Wetten dass…”-Niveau oben gefällt mir sehr gut. Keine Spur von Elite. Denkt die Redaktion, sie sei die sog. Elite? Weit gefehlt. Mein Themenvorschlag: Hey, lass mal Elite suchen gehen. Oder jemanden, der sich damit auskennt.
am 4. Mai 2007 um 21:05 Uhr.
[…] German bloggers are tough on the recently issued German Vanity Fair and critizise the big gap between pretension and reality, some even rip it apart visually. […]