Die Medienwoche (3+4)
Derdiedas DLD kam mir letzten Sonntag dazwischen, darum gibt es diesmal zwei “Medienwochen” auf einmal.
Schon am Anfang der ersten Woche rätselte man, wer nun auf den Christiansensessel folgen solle, wo es Jauch ja nun nicht wurde: Plasberg, Maischberger, Will, gar Beckmann? Seit gestern wissen wir: Will wird’s. Wahrscheinlich. Oder jedenfalls vielleicht.
Was sonst noch zu notieren war: Die Wikipedia wurde sechs Jahre alt. Mensch, ist die groß geworden. In der Welt gab es passend dazu einen Artikel über die Angst vor der “Diktatur der Doofen” und neue Bewertungs-/Regulierungsmechanismen im Web 2.0 [via]. Eine eher schlechte Bewertung hat offenbar das geplante Kulturmagazin “Momo” aus dem Spiegel-Verlag bekommen. Es wird nicht erscheinen, was schon wegen des guten Namens wegen schade ist. RTL zögerte nicht weiter und startete unter dem Namen “RTL Now!” ein Video-On-Demand-Portal [via]. Im Angebot sind zunächst nur die Serien “CSI: Miami” und “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”. Eine Einzelfolge kostet im Pay-Per-View-Modus 1,99 € und ist 28 Stunden lang zu sehen. ProSieben Sat.1 hat mit “maxdome” sowas schon eine ganze Weile.
Eine Handvoll neue Redaktionsblogs starteten bei der Berliner Zeitung [via]. Auch dabei: Jens Weinreich, der sich mit kritischem Sportjournalismus einen Namen gemacht hat. Bei der Schweizer Weltwoche dagegen hat Autorin Güzin Kar ihr Blog aufgegeben, wie die Kollegen von medienlese.com berichteten. Ihnen sind auch die kuriosen Nutzungsbedingungen der Weltwoche-Blogs aufgefallen: Pro Eintrag darf ein Leser maximal drei Kommentare abgeben - aus “Platzgründen”. Aaaahja.
Stern.de schrieb über Internet-Showformate, die als kostenloser Content den Sprung ins Fernsehen schaffen [via]. Daß der Stern eine Foto-Community betreibt, bei der gelungene Fotos als kostenloser Content den Sprung ins Magazin “View” schaffen, steht nicht dabei.
Thomas Knüwer kündigte einen blutigen Kampf an zwischen “Altvorderen”, die dieses ganze Internet-Dingens nicht verstehen und nicht wollen, und “Innovativen”, die es lieben, herzen und umarmen. Gero von Randow jedenfalls hat es verstanden, das Web 2.0, und schafft es tatsächlich, die olle Metapher vom Surfen im Web noch zu einem gelungenen Bild zu erweitern:
“Im Netz fällt es dem Individuum leicht, weltweit von Angebot zu Angebot zu surfen. Der Wellenreiter bewegt sich auf der Oberfläche, aber er muss ihre Turbulenzen verstehen. Eine Kulturtechnik.”
- aka Medienkompetenz. Lesebefehl Nr. 1!
Bei den Second-Life-Präsenzen von Medienunternehmen (Springer mit The AvaStar, Reuters, Cnet, Wired) geht es möglicherweise auch ums Verstehen, in erster Linie aber um PR. Die NZZ brachte einen schönen Artikel dazu, wenige Tage später folgte die Welt. Die Holtzbrinck-Gruppe ist noch nicht in Second Life vertreten, rennt aber auf anderen Wegen weiter Richtung Web 2.0: Laut w&v soll im Februar ein eigenes Videoportal der Holtzbrinck-Tochter AVE starten, das - im Unterschied zur Konkurrenz - auf journalistische Inhalte statt auf Homevideos setzen will [via].
Lesebefehl Nr. 2: Rudolf Maresch bei Telepolis mit einem, öhm, mächtigen Text über Web 2.0, die behauptete Intelligenz der Masse und digitale Reputation.
Zum DLD ist Vieles gesagt, hier nur noch ein paar Links fürs Archiv: Stefan Niggemeier in der FAZ, Jörg Donner für sueddeutsche.de, die DLD-Berichterstattung bei Focus Online, Interview mit Nicholas Negroponte bei sueddeutsche.de, Interview mit Arianna Huffington bei SpOn. Lauter als die DLD-Konferenz war eigentlich nur Kyrill, und Spiegel Online hatte anläßlich der zu erwartenden Dramatik die Leser darum gebeten, Fotos einzusenden. Dabei ging ihnen leider eine Ente durch - nachzulesen bei netzthemen.de.
Dann kam die Kalenderwoche 4, und mit ihr die nächste Dämonisierung des Internet. Das ist jetzt nicht mehr nur Seuche und macht doof, sondern es ist auch “der größte Serienkiller der Weltgeschichte”. Das hat Tageszeitungs-Verleger Dirk Ippen erklärt (das, womit er sonst noch zitiert wird, klingt allerdings nicht ganz so bizarr).
A propos Tageszeitung: Die WAZ-Gruppe übernahm die profitable Braunschweiger Zeitung - zunächst 75% für rund 160 Millionen Euro. Die FAZ brachte aus anderem Anlaß einen Text über die zerstrittenen WAZ-Eigentümer inklusive schöner Infografik zu den Besitzverhältnissen. Frage: Wird westeins.de jetzt um das neue Blatt erweitert?
Ein klein wenig Schadenfreude war erlaubt: Google ging in der Nacht vom 22. auf den 23. Januar seiner deutschen Domain verlustig. Offenbar wurde ein KK-Antrag bearbeitet, ohne daß jemand bemerkt hat, um welche Domain es da ging. Genaueres bei medienrauschen. Weil Marissa Mayer zu der Zeit gerade bei Burdas DLD weilte, erfuhren wir außerdem noch ein paar Details über nächtliche Telefongespräche.
Zuletzt: Die FAS mit der Fortsetzung ihres Experiments, diesmal nicht ganz so gelungen; die taz mit einem guten Artikel über Blogs, PR und Werbung und einem Interview mit Don Alphonso [via]; eine Kritik am Tun und Lassen Schweizer Zeitungen im Netz bei onlinejournalismus.de; ein Preis für Henryk M. Broder; und die Feststellung, daß das Internet in den USA eine immer relevantere Quelle für politische Information wird [via]. Die Deutschen Blogcharts bringen seit genau einem Jahr zumindest ein paar Zahlen in die unfaßbare Blogosphäre - herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag -, und daß man auch in großen Medienunternehmen nicht immer über die Zahlen Bescheid weiß, gesteht Holtzbrinck-Finanzgeschäftsführer Jochen Gutbrod:
“WELT.de: Herr Gutbrod, alle paar Tage meldet die Verlagsgruppe Holtzbrinck neue Online-Beteiligungen. Wie viele hält Holtzbrinck derzeit?
Jochen Gutbrod: Das kann ich schon lange nicht mehr genau sagen. (…)”
Eines kann man aber genau sagen: Nach Web 2.0 kommt Nummer 3, wie auch immer es aussehen wird. Das weiß man auch in der Davoser Winterfrische.
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