Evian und Kombucha

So. Zurückgekehrt vom DLD07, zurück aus den Palästen, heim in die ärmliche Bloggerstube, in die es sicher auch hineinregnen würde, läge sie nur unter dem Dach. Drei Tage “Digital Life Design” und Evian und Kombucha. Interessant war das vor allem wegen der eingeflogenen Gäste: Craig Newmark, der sich am Google-Stand zehn Werbe-Kugelschreiber einsteckte (seitdem glaube ich ihm, daß er die Milliarde Dollar für den Verkauf von craigslist.com abgelehnt hat); der Bilderbuch-Amerikaner Jeff Pulver, der nach dem Ende der Party am Montagabend noch eine Dreiviertelstunde im ohnehin schon naßgetanzten rosa Hemd durch den Münchner Schnee irrte, weil er noch weiterfeiern mochte; der Bilderbuch-Regisseur Luc Besson, der aus einem eher lahmen Interview zu seinem neuen Film ein amüsantes kulturpessimistisches Gespräch machte; die engagierte Arianna Huffington, deren “Huffington Post” ich vorher für ein harmloses B-Promi-We-too-Blognetzwerk gehalten hatte; die Scharfdenker Nicholas Negroponte und John Naisbitt, denen man gerne länger zugehört hätte. Die Panels und Vorträge waren meist gut, aber selten umwerfend.“Disruptive connections” etwa, bei dem es um den Sherwood Forest der Mobiltelefonie-Konzerne ging, wäre sicher noch spannender gewesen, wenn man nicht nur selbstgewisse Robin Hoods, sondern auch einen der Sheriffs von Nottingham aufs Podium gesetzt hätte - oder wenigstens dem Moderator dessen Rolle übertragen hätte. Oder “The billion dollar bubble?”, das besser gewesen wäre, wenn man mehr über die namensgebende Frage diskutiert hätte. Aber auch da waren sich die Teilnehmer zu einig in der Sache. Und das Revolutionäre der digitalen Animation von “image metrics“, mal abgesehen von gesteigerter Produktivität, sehe ich auch nicht. Für mich sahen die gezeigten animierten Gesichter noch immer aus wie aus Computerspielen. Und ganz ehrlich: Marylin Monroe in einem Film von heute auftreten zu lassen, mag ja ein Spitzen-Werbegag sein, das bedeutet aber auch, daß wir in Zukunft mit unbegrenzten Auftritten von Steven Seagal und Tom Cruise und Veronica Ferres rechnen müssen. Da gibt es also wirklich nichts zu jubeln.

Ansonsten: Überaus hysterisches Visitenkartengetausche, Arend Oetker mit der längsten Krawatte der Welt, kein Edmund Stoiber, umständliches Schielen auf die Namensschilder, eine euphorische Stephanie Czerny, die sich irgendwie in ihrem privaten Eßzimmer wähnte, ein Kunstwerk, dessen Größe sich mir nicht erschließen will, DLD-Umhängetaschen mit der Farbkombination eines 99er Startups (orange auf military-oliv), ein DLD-Corporate-Design wie aus dem Web-2.0-Logo-Generator (mit Spiegelung!), ein wenig schaurig-schönes Gruseln der digitalen Elite über den Vortrag des Hackers Pablos, der singende Hubert Burda, zahlreiche vergebliche Versuche, einen ordinären Kaffee mit einem Schuß gewöhnlicher Milch zu bekommen (immer war dieser lauwarme Schaum dabei), ein so überflüssiges wie erkenntnisloses PR-Interview zum ZDF-Film “2030″, die Erkenntnis, daß Startupfinanziers bessere Moderatoren sein können als Journalisten, zu Dekozwecken eingestreute Bergsteiger, Künstler, Blaskapellen und Umweltschützer.

Das beste Panel war zugleich auch das hierfür thematisch interessanteste: “Where are the editors?”

There are the editors

Jochen Wegner war unaufgeregter Moderator mit Distanz zu seinen eigenen Schlagworten (”Content DJs”, “The mainstream media guy”), der die schwangere Caterina Fake, die eigentlich auch auf dem Podium sitzen sollte, kurzerhand und “as a father” zur Erholung ins Bett geschickt hatte. Wohltuend: Niemand auf dem Podium verfiel in ängstliche Arroganz “klassischer” Medienschaffender und niemand verkündete den Sieg innovativer Bürgerjournalisten oder Blogger. Man war sich einig, daß es immer “editors” brauchen wird, daß es weiterhin Printmedien geben wird, und daß, wer auf die Mütze bekommt, das in der Regel auch verdient hat. Zur allgemeinen Beruhigung erklärte David Sifry, daß er weiterhin gerne die New York Times lese. Der Mitschnitt der Diskussion ist mittlerweile auch online.

Ach, und was die Veranstaltung im Dilo angeht: Ja, da waren ein paar Nasen, die das als Werbeshow für ihr Startup mißverstanden, ja, Überrumpelungen per Kamera direkt hinter der Eingangstür finde ich noch unangenehmer als den Blick in ein Objektiv ohnehin schon, und ja, ich habe ein paarmal die Augen verdreht ob des einen oder anderen Gesprächsfetzens; aber schlimmer war es dann auch nicht.

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5 Kommentare zu “Evian und Kombucha”

  1. jo

    Danke für die Zeilen zum Abend im Dilo.

    Mit meinem Kommentar bin ich wohl einigen betroffenen Hunde auf den Schwanz getreten. Tut mir leid, das war nicht meine Intention (Ich mag Hunde).

    Dabei schrieb ich eigentlich nur, wie ich, ja, ich mir ganz persönlich ein Bloggertreffen vorstelle. Wie es mir, ja, mir persönlich, gut gefallen würde und lieber wäre. Und eben, dass das Treffen im Dilo (naturgemäß, da im DLD-Umfeld und organsiert durch einen “PR-Blogger”) in eine Richtung ging, die ich nicht erstrebenswert finde. Nicht mehr, nicht weniger.

  2. Florian

    Und ich schrieb eigentlich nur, daß es zwar möglicherweise in diese Richtung ging, aber auch nicht ganz so gruselig war, wie es mancher Blogeintrag und Kommentar und manches Foto vermuten lassen. Ach, ich glaub nicht, daß wir so wahnsinnig weit auseinander sind ;)

  3. GOR, Tag 1 [Journalismus 2.0]

    […] Erstaunlich: Die Konferenz ist deutlich “businessorientierter” als ich erwartet hätte. Zahlreiche Marktforschungsunternehmen sind vertreten, Anbieter von Online-Befragungsservices haben ihre Stände aufgebaut, ciao! ebenso, es steht ein Flugsimulator herum und es werden Red-Bull-Ersatzflüssigkeiten verteilt. Dasja fast schon DLD-Atmosphäre. […]

  4. Die Huffington-Show [j20]

    […] Wären da nicht die Details. Huffingtons Picasso-Biographie etwa, die in 16 Sprachen übersetzt und mit Anthony Hopkins verfilmt wurde. Oder die zehn anderen Bücher, die sie geschrieben hat. Oder auch die außerhalb des Internet nicht so prominenten Namen auf der langen Liste der Huffington-Post-Blogger: Jaron Lanier, Jeff Jarvis, Craig Newmark, Martin Varsavsky, David Weinberger oder Esther Dyson. Vor allem aber: Wäre da nicht die Leidenschaft, mit der Arianna Huffington spricht. Obwohl sie längst in jedem Interview und auf jedem Podium dasselbe erzählt, tut sie das noch immer mit Inbrunst. Sie meint es ernst, wenn sie gegen den Krieg im Irak wettert, und sie meint es ernst, wenn sie auf die amerikanische Vorliebe für benzinschluckende Geländewagen schimpft. Die Show scheint Natur zu sein. Bei der Burda-Konferenz “Digital Life Design” (DLD) im Januar 2007 saß Huffington für das Panel “Where are the Editors?” auf der Bühne. Als eine Bloggerin aus dem Publikum von Problemen mit einer Firma berichtete, die Einfluss auf die Berichterstattung ihres Blogs zu nehmen versuchte, sah man Huffingtons Kampfeslust geweckt: “Play hard ball!”, war ihr Rat für die Bloggerin; es fehlte nicht viel, und sie hätte der Bedrängten Unterstützung durch die Stimme der Huffington Post angeboten. […]

  5. ritchie

    Hab den Beitrag zwar erst mit Verspätung gefunden, mich aber gerade köstlich amüsiert. Zu den Sheriffs von Nottingham: meiner Erfahrung nach halten die sich (leider) sehr häufig von öffentlichen Veranstaltungen fern.

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