Altvordere und Innovative

Noch ein paar Worte zum Tagesschau-Blog, auch vor diesem Hintergrund. Ich habe nicht alle Beiträge gelesen, und es ist noch sehr jung - möglich also, daß in ein paar Monaten die Luft raus ist. Aber: Sie machen dort vieles richtig, was andere Corporate Blogger (ein solches ist ja auch das Redaktionsblog der Tagesschau) nicht hinbekommen. So wie ARD-aktuell-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke über gescheiterte Projekte, hier die Verhandlungen mit Günther Jauch, zu schreiben etwa:

“[…] ein Ruhmesblatt ist die ganze Aktion nicht gerade - das kann wohl jeder ARD-Mitarbeiter sagen, ohne illoyal zu sein.”

Wenn es bei anderen hakt, halten sie auch gerne einfach mal still, so wie mein Webhoster gerade, der nun endlich - tröpfchenweise - meine E-Mails von gestern nachmittag ausliefert.

Heute hat Gniffke erklärt, warum und wie die Tagesschau über Seehofer und seine Freundin berichtet hat - persönlich (”Welch ein Bruch mit allen Regeln und Traditionen, die es einmal für die Politikberichterstatter gab.”), transparent (”Kollegen aus der ARD wussten seit langem davon. Aber niemand hat es thematisiert.”) und mit klarer Linie. Auch das hier:

“Ach so, falls jemand wissen möchte, ob ich die Absage von Günther Jauch bedauere - die Nummer ist rum, und wenn ich es richtig sehe, ist sie endgültig rum. Als Tagesschau-Mann beschäftige ich mich nicht allzu sehr mit Dingen vom vergangenen Tag.”

traf genau den Ton, ohne den solche Blogs wie Pressemitteilungsdatenbanken klingen. Und dem ZEIT-Online-Chef Gero von Randow, der im Meckern-Blog zur StudiVZ-Berichterstattung schrieb, mehr als die Übernahme von Agenturmaterial sei nicht drin, weil es ums eigene Haus (Holtzbrinck) gehe, muß man entgegenhalten, was Gniffke zum ähnlichen Fall Jauch bloggte:

“Wie berichtet man über eine solch delikate Angelegenheit, wenn’s um den eigenen Laden geht? […] Ganz einfach: journalistisch! Kein Lamento, kein Beschönigen, einfach sagen, was ist: Erstens hat Jauch die Sache geknickt, zweitens bedauert die ARD das kollektiv, drittens gibt es weiß Gott unterschiedliche Sichtweisen dazu. Punkt. […] So was ist nun nicht vergnüglich und gefällt weder uns noch sonst jemandem in der ARD. Es ist aber der einzige Weg das zu sichern, was uns ausmacht - unsere Glaubwürdigkeit.”

Eben. Gerade wenn es delikat ist, gerade wenn es um ein Internetthema wie den Kauf von StudiVZ geht, und gerade wenn es ZEIT Online ist, deren Auftritt inklusive der von anderen oft gescholtenen Blogs ich ganz hervorragend finde. Ein paar harmlose Worte darüber, daß StudiVZ in den vergangenen zwei Monaten wegen X, Y und Z etwas umstritten war, waren nicht drin? Nicht mal ein Konjunktiv im Pressesprecher-Satz “Damit ist die Sicherheit der Daten weiterhin gewährleistet” war drin?

Auch Thomas Knüwer hat sich heute mit - unter anderem - redaktionellen Blogs beschäftigt. Er prophezeit, daß 2007 ein blutiger Kampf ausgetragen wird zwischen zwei Lagern in den deutschen Redaktionen: Den “Innovativen”, die “das Internet mit offenen Armen empfangen” und den “Altvorderen”, die es verteufeln, aus “Angst abgehängt zu werden.” Nun wird aber auch 2007 vieles von dem, was die Online-Versteher anschleppen, scheitern. Blogs werden verebben, Podcasts ohne Abonnenten bleiben, Leser sich der Partizipation unverschämterweise verweigern. Nicht alle, aber viele. Es wird also nicht so sein, daß die online-affinen Journalisten in den Medienhäusern einen Triumph 2.0 nach dem anderen einfahren und die Skeptiker durch schlichten Erfolg mundtot machen.

Auch weil die Altvorderen schlicht in größerer Zahl auftreten, rechnet Knüwer damit, daß die Innovativen gehen. Sich selbständig machen und “den Guerilla-Krieg beginnen”. Die Sache mit der “Seuche” und Henryk M. Broders schrilles Pfeifen im Wald könnte man glatt als Belege für Knüwers These nehmen. Dr. Kai Gniffke wird trotzdem nicht gleich kündigen, schätze ich.

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1 Kommentar zu “Altvordere und Innovative”

  1. Journalismus 2.0 » Blog Archive » Die Medienwoche (3+4)

    […] Thomas Knüwer kündigte einen blutigen Kampf an zwischen “Altvorderen”, die dieses ganze Internet-Dingens nicht verstehen und nicht wollen, und “Innovativen”, die es lieben, herzen und umarmen. Gero von Randow jedenfalls hat es verstanden, das Web 2.0, und schafft es tatsächlich, die olle Metapher vom Surfen im Web noch zu einem gelungenen Bild zu erweitern: “Im Netz fällt es dem Individuum leicht, weltweit von Angebot zu Angebot zu surfen. Der Wellenreiter bewegt sich auf der Oberfläche, aber er muss ihre Turbulenzen verstehen. Eine Kulturtechnik.” […]

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