Partizipativer Journalismus bei der FAS

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat nach dem Tsunami in Südostasien 2004 eine ganze Seite mit Augenzeugenberichten aus Blogs gefüllt - das wurde zu einem Standardbeispiel in zahlreichen wissenschaftlichen Texten, immer dann, wenn es thematisch irgendwie Richtung Bürgerjournalismus ging. Heute hat die FAS ein neues Standardbeispiel geschaffen. Und nein, damit meine ich nicht die neue “Notizblog”-Kolumne, die Jörg-Olaf Schäfers ab sofort schreibt, obwohl das auch eine schöne Idee ist.

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Gemeint ist der Artikel “Schwer gedeckelt und genervt”, den die Redakteure mit der Hilfe der Leser geschrieben haben.

“Wir haben vergangene Woche ein kleines Experiment unternommen. Anstatt einen Artikel nur zu drucken, haben wir ihn erst einmal ins Internet gestellt. Wir wollten wissen, ob die Leser dort vielleicht mehr wissen als wir.”

Das schreibt Redakteur Jörg Albrecht auf Seite 53 der heutigen Ausgabe. Und die Leser wußten zumindest ein bißchen mehr. Zwei halbfett hervorgehobene Stellen im Artikel kennzeichnen Informationen, die als Ergebnis der Online-Diskussion Eingang in den Text über Absurditäten des deutschen Gesundheitssystems gefunden haben. Diese Einbindung ist noch nicht besonders schön gelöst - die Leser-Beiträge werden mit einem hölzernen “Kommentar im Internet” eingeleitet * -, aber in diesem ersten Fall geht es wohl mehr um das Experiment als um den Lesefluß.

Die FAS fährt ihren Versuch groß: Zwei Seiten füllt der eigentliche Artikel, eingestreut sind 17 Zitate aus der Online-Artikeldiskussion, ein weiterer Text führt vergleichbare Beispiele für partizipativen Journalismus vor allem aus dem Bereich wissenschaftlicher Fachzeitschriften auf. “Partizipativer Journalismus”, so nennt Jörg Albrecht das FAS-Experiment selbst, und gibt folgende Erklärung für das Schlagwort:

“Der Leser wird zum Informanten, er kann über den Inhalt mitbestimmen. Allerdings nur in dem Sinne, wie jeder andere Informant auch.”

Das bedeutet: Überprüfungsrecherche und “kritische Bewertung” gibt es bei Informationen aus dem Kreis der Leser ebenso wie bei anderen Quellen. Also nur das Prinzip Leser-Reporter statt Readers Edition? Der Leser nur als Stichwortgeber, externes Redigat, AAL? Ich glaube nicht. Die FAS scheint es ernstzumeinen. Am Ende des Artikels “Der Leser schreibt mit” steht die Frage, ob solch kollaborative Berichterstattung im Wissenschaftsteil fortgesetzt werden soll. Schon der Versuch ist viel wert.

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14 Kommentare zu “Partizipativer Journalismus bei der FAS”

  1. medienlese » Blog Archiv » 6 vor 9

    […] Partizipativer Journalismus bei der FAS (floriansteglich.de) Die FAS lässt ihre Online-Leser bei der Entstehung eines Artikels mitwirken. […]

  2. Journalismus 2.0 und Pressearbeit 2.0 « PR-Trends

    […] Januar 15th, 2007 Überlegt hat sich da jemand was - und nett beschrieben hat Florian Steglich in seinem Blog wie Partizipativer Journalismus bei der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) funktioniert. […]

  3. Medienspiegel

    Crowdsourcing bei der «FAS»…

    Florian Steglich beschreibt in seinem Weblog «Journalismus 2.0» den Versuch der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS), die Leserinnen und Leser aktiv……

  4. katzenbach.info » FAS testet partizipativen Journalimus

    […] Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat sich - testweise - Dan Gillmors Leitspruch “My readers know more than I do” zu Herzen genommen. Ein Artikel zu den Auswirkungen der Gesundheistreform wurde ins Netz gestellt, die Leser ermuntert, zu kommentieren und zu kritisieren. Am Sonntag ist nun in der gedruckten FAS der überarbeitete Artikel erschienen - die Beiträge der Leser sind gekennzeichnet (wenn auch nicht gerade elegant, da hat Florian recht). Aber immerhin. Ungefähr das, was Robert Niles in der Online Journalism Review empfiehlt. “Citizen journalism” provides professional reporters the chance to collect many more data points than they can on their own. And “mainstream media” provide readers an established, popular distribution channel for the information we have and can collect. Not to mention a century of wisdom on sourcing, avoiding libel and narrative storytelling technique. […]

  5. Journalismus 2.0 » Blog Archive » Die Medienwoche (2)

    […] Journalismus 2.0 « Partizipativer Journalismus bei der FAS […]

  6. Kurz + Knapp 10/2007, Medienrauschen, das Medienweblog

    […] +++ Partizipativer Journalismus bei der FAS: Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung haben einen Artikel zusammen mit Internet-Lesern der Zeitung geschrieben. […]

  7. Redaktionelles Wissensmanagement » Blog Archive » Mehr Qualität dank Leser-Partizipation

    […] Leser-Partizipation gibt professionellen Journalisten die Chance, in ihren Beiträgen mehr Aspekte berüchtigen zu können als ohne. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) erregte im Jahr 2004 Aufmerksamkeit in der Medienszene, als sie nach dem Tsunami in Südostasien eine ganze Seite mit Augenzeugenberichten aus Blogs füllte. Einen weiteren Versuch, partizipativen Journalismus zur Qualitätssteigerung zu nutzen, startete sie in der vergangenen Woche, wie Florian Steglich im Weblog “Journalismus 2.0″ berichtet: […]

  8. Journalismus 2.0 » Blog Archive » Die FAS experimentiert weiter

    […] Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat heute erneut einen Artikel zum Kommentieren vorab ins Netz gestellt. Der Text “Wieviel Weisheit steckt im Web 2.0“? soll in der kommenden Ausgabe erscheinen, wieder im Wissenschaftsteil. Bisher wurden drei Kommentare abgegeben. Ran an den Speck! […]

  9. » Old vs. New Media?, Blogpiloten.de - Weblog Update Weekly

    […] Zeitungen müssen verstehen lernen, das in Zeiten der Vernetzung jeder einzelne ein Redakteur sein kann. Nicht aber ein Konkurrent sein muss. Er ist eher ein Kooperationspartner. Wie so etwas funktionieren kann, probieren mutige Häuser heute bereits aus. Die Frankfurter Zeitung schreibt Artikel mit ihren Lesern zusammen, die BILD versucht Leser über Bilder einzubinden … Das sind nur erste Schritte, und sicherlich ist nicht jeder gut oder erfolgreich. Aber sie zeigen den Weg in die Zukunft. Die ist zwar auch in diesem Bereich noch ungewiss und schwammig, aber mehr Leser-Selbstbestimmt als noch vor 10 Jahren. Redaktionen nur müssen sich öffnen, und Mut fassen. Nur darin liegt ihre Chance … Thomas Gigold | die Woche |   Kommentar verfassen […]

  10. onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Kollaborativer Kokolores bei der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”

    […] “Der Leser schreibt mit”, hieß es vor zwei Wochen zum ersten Mal bei der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. “Anstatt einen Artikel nur zu drucken, haben wir ihn erst einmal ins Internet gestellt. Wir wollten wissen, ob die Leser dort vielleicht mehr wissen als wir”, schrieb “FAS”-Redakteur Jörg Albrecht (siehe hierzu auch “Partizipativer Journalismus bei der FAS” im Blog Journalismus 2.0). Sonst nur schnöder Beobachter oder Kritiker solcher journalistischen Experimente, machte ich am Freitag mal selbst mit. Und erlebte eine böse Überraschung. […]

  11. Partizipativer Journalismus bei Wired.com [j20]

    […] Vorhin bin ich bei Torsten über dieses Projekt bei Assignment Zero gestolpert und noch immer beeindruckt. Dort überläßt das Magazin Wired.com den größten Teil des Reportings für einen Artikel dem Publikum. Erst die Schreibarbeit findet dann wieder hauptsächlich am Wired-Rechner statt (in den USA wird meist zwischen Recherche und Schreiben getrennt; das eine macht der Reporter, das andere der Editor). Partizipativer Journalismus, der erstaunlich weit geht. Dagegen ist harmlos, was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Januar getestet hat. […]

  12. UPLOAD » Journalisten, Blogger & Autoren

    […] Derweil versucht man es bei der Sonntagsausgabe der FAZ einmal mit Print 2.0 und lässt Artikel online korrigieren und ergänzen, bevor sie dann gedruckt werden. Mancher fand es interessant, andere haben es ausprobiert und wurden enttäuscht. Mir kommt es so vor, als würde man auf der Brücke eines Containerfrachters mal die Fenster öffnen, um ein bisschen Sportboot-Feeling zu bekommen. Sprich: Da passt was nicht zusammen. Sehr schön wurde es bei heise.de kommentiert: Partizipativ mit P wie Prometheus meint hier, dass sich ein richtiger Journalist einen von der Palme wedeln kann, wie gut Journalisten doch sind (breites Allgemeinwissen, professionelle Recherche, ein gewisses Arbeitsethos). Beflissen dazu gesellen sich die besten Kommentare braver Musterschüler aus dem Leistungskurs Gemeinschaftskunde, die eine Chance haben, im Blatt abgedruckt zu werden. […]

  13. Die FAZ kommt auf den Hund. « the life and love of miss k.

    […] Die FAZ kommt auf den Hund. 25Jun07 Nachdem die Sonntags-FAZ im Januar 2007 einen Beitrag über die Gesundheitsreform ihren Online-Lesern vor Veröffentlichung zur Manöverkritik gegeben hat, wartet die Wissenschaftsredaktion seit kurzem auch mit einem eigenen Blog auf: Planckton nennt es sich, was ich als Name schon mal sehr gelungen finde. Lustig am Rande: Trotz Meermetapher wird Planckton im Untertitel als Online-Café bezeichnet und gleich daneben startet die Suchfunktion mit einem saloppen “Wuff!”. […]

  14. Die FAS wissenschaftsbloggt. [j20]

    […] Kurz notiert - könnte ja sein, daß es den ein oder anderen aus den Hundertschaften, die hier heute mehrheitlich via Stefan Niggemeier aufschlagen, ebenfalls interessiert: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), die auch schon mal mit Partizipativem Journalismus experimentiert hat, hat nun auch ein Blog: Planckton heißt es und ist laut Untertitel das “Online-Café der F.A.S.-Wissenschaftsredaktion”. Der ein oder andere Link klappt noch nicht, aber es ist auch noch recht neu. Auffallend: Es liegt unter der eigenen URL planckton.de und es gibt kein penetrantes Branding oder anstrengende Versuche, den Leser weiter zu faz.net zu leiten. Gefällt mir darum auf den ersten, schnellen Blick sehr gut. Via Hin-und-Her-Trackbacking mit katrink oder so. […]

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